Sieben Fragen an Dorothea Lucke - »Starkes Wachstum 2011 – Stagnation im nächsten Jahr«

DIW, 08.12.2011

1. Frau Dr. Lucke, nach dem Einbruch durch die Finanzmarktkrise im Jahr 2008 hat die deutsche Industrie überraschend schnell wieder Fuß gefasst. Wie haben sich die Wachstumszahlen entwickelt, und wo stehen wir jetzt?

Die Industrie ist im Jahr 2010 um elf Prozent gewachsen und wird in diesem Jahr um etwa acht Prozent wachsen. Damit wird sie ungefähr dort liegen, wo sie vor der Finanzmarktkrise war. Das ist natürlich von Branche zu Branche unterschiedlich. Zum Beispiel liegen der Kraftfahrzeugbau und auch die Elektroindustrie sogar etwas über dem Vorkrisenniveau, der Maschinenbau aber liegt darunter.

2. Mit welchen Wachstumsraten rechnen Sie im nächsten Jahr?

Für das nächste Jahr rechnen wir mit einer Stagnation. Auch da muss man von Branche zu Branche unterscheiden. Der Maschinenbau hinkt zwar dem Zyklus ein wenig hinterher, wird aber im nächsten Jahr im Vergleich zu den anderen Branchen noch relativ stark wachsen. Im Durchschnitt jedoch sind die Wachstumszahlen für 2012 insgesamt sehr niedrig.

3. Wo liegen die Gründe?

Die Gründe für die starke Reduktion des Wachstums im kommenden Jahr liegen zum einen darin, dass der Investitionsboom, der nach der Finanzkrise in den Schwellenländern und dann mit etwas Verzögerung in Deutschland eingesetzt hat, jetzt zu seinem Ende gekommen ist. Um jetzt wieder einen Schub bei den Investitionen zu haben, müssten die Kapazitäten stark ausgelastet sein. Das sind sie zwar zum großen Teil, es mangelt aber im Moment an positiven Geschäftserwartungen. Die Schuldenkrise im Euroraum hat zu einer erheblichen Verschlechterung der Geschäftserwartungen geführt und damit zu einer starken Verunsicherung der Investoren.

4. Welche Industriesparten sind besonders betroffen?

Zuvorderst vielleicht die Investitionsgüterproduzenten, aber auch die Vorleistungsgüterproduzenten wie die chemische Industrie sind betroffen. In Deutschland sind die Vorleistungsgüterproduzenten darauf spezialisiert, Investitionsgüterproduzenten zuzuliefern und darum leiden sie auch unmittelbar, wenn die Investitionsgüterproduktion leidet. Es sind aber auch die Konsumgütersektoren betroffen. Hier spielt es eine Rolle, dass die Austeritätspolitik, die wir zurzeit in südeuropäischen Ländern haben, dazu führt, dass deren Nachfrage nach unseren Konsumgütern, die für uns eine relativ große Rolle spielt, einfach sehr schwach ist.

5. Wie abhängig ist die deutsche Industrie von der Entwicklung der großen ausländischen Märkte?

Sie ist sehr stark abhängig. Im Maschinenbau und im Kraftfahrzeugbau werden 40 Prozent der Güter vom Inland nachgefragt, vom Euroraum 20 Prozent und vom Nicht-Euroraum wiederum 40 Prozent. Das bedeutet, dass gerade das Wachstum der stark wachsenden Länder aus dem Nicht-Euroraum zu einem sehr starken Impuls bei uns führt und sich unmittelbar auf unsere Industrie
übertragen kann.

6. Wie sieht es mit der Inlandsnachfrage aus?

Auch die Inlandsnachfrage spielt eine sehr große Rolle, denn um unsere Investitionsgüter herzustellen, brauchen wir sehr hochwertige Zulieferungen, und die kommen zum großen Teil aus dem Inland. Der Maschinenbau liefert zu 40 Prozent ins Inland. Dieser starke Inlandsmarkt ist die Basis, auf der andere Industriegüter hergestellt werden, die dann zum Teil wieder ins Ausland gehen und dort die starke Nachfrage bedienen.

7. Wann wird es wieder aufwärts gehen?

Das ist schwer zu sagen, weil die Schuldenkrise im Euroraum so unberechenbar ist. Wir haben diesen Punkt auf das zweite Quartal 2012 festgelegt und gesagt, ab da geht es mit der Gesamtwirtschaft wieder aufwärts, wenn die Schuldenkrise auf die eine oder andere Art gelöst worden ist. Das ist jedoch eine Annahme. Man muss sehen, wann diese Schuldenkrise überwunden sein wird.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.